Über den Wolken

Unter der Regie und schauspielerischen Leistung von Alexander Mitterer und Klaudia Reichenbacher inszeniert das Theater Keandace den spielerischen Text „Das Zimmer“ von Gert Jonke und gibt Einblicke in die verquere Gedankenwelt eines Gegenstandes, den wir im Alltag oft zu selbstverständlich nehmen. 

Ein Zimmer hält es im Haus nicht mehr aus. Ein skrupelloser Mieter jagt den nächsten und die unertragbaren Leute treiben das Zimmer in eine mörtelzerplatzende Enge, der es hilflos ausgeliefert ist. Neben den ständig wechselnden Mietern lebt das Zimmer unter den äußeren Zwängen des Hauses und der unnahbaren, bürokratischen Größe der Hausverwaltung, die herrisch über dem Raum schweben. Umzäunt von Mauern lechzt es nach Freiheit und Selbstbestimmung.

Als eines Tages ein neuer Mieter in das Zimmer einzieht und dieses so sorgsam und umsichtig bewohnt, als wäre er selbst Teil davon, kehrt endlich Zufriedenheit ein. Der Schriftsteller, der nur ein Notizbuch, seinen Stift und seinen neuen Rückzugsort braucht, scheint endlich zu wissen, wo er hingehört und kann sich in dem gefühlvollen Raum frei entfalten. 

© Nicolas Galani

Als durch eine unerwartete Mieterhöhung die zwangsweise Delogierung des erbetenen Bewohners droht, beschließt das Zimmer sich gegen das erdrückende Korsett des Hauses zu wehren und sich von den einschnürenden Mauern zu befreien. So taucht es durch das Fenster in den Ozean des Himmels, um sich mit seinem Bewohner auf eine unaufhörliche Reise in den Lüften zu begeben und sich im Wolkenraum einfach treiben zu lassen. Nur im Luftschloss, wo es nichts außer Ideen als Flügel braucht, ist es dem Poeten möglich, seiner Natur zu folgen und frei wie ein Vogel zu sein. Das Haus, das von allen Zimmern verlassen wird, stürzt ohne die Stabilität im Inneren in sich zusammen und zerfällt zu Staub. 

Auf witzig, skurrile Art und Weise erwacht durch die Inszenierung ein Zimmer zu einem körperlosen Wesen, das voller Emotionen steckt und in einen Dialog mit seinem Bewohner eintritt. Untermauert werden diese Gespräche mithilfe eingestreuter Couplets im Helge-Schneider-Stil, deren melodramatische Klänge von Stefan Heckel am Harmonium erzeugt werden. Die Inszenierung wirft Fragen nach Freiheit, Selbstbestimmung und dem Gefühl des Ankommens auf. Unterschätzen wir im Alltag nicht zu oft die eigenen vier Wände? Hetzen wir nicht von Wohnung zu Wohnung, von Zimmer zu Zimmer, ohne je anzukommen? Gerade in Zeiten wie diesen, in denen wir zwangsweise verstärkt ins Private gedrängt werden, scheint die Thematisierung des eigenen Zuhauses umso wichtiger, denn auch wenn es verlockend klingen mag, einfach in die Lüfte zu tauchen, müssen wir doch der Erdenschwere nachgeben und am Boden der Tatsachen bleiben. Vielleicht schaffen wir es aber auch innerhalb von vier Mauern Leichtigkeit und Selbstbestimmung zu fühlen und auch zu leben. 

Infos und Termine: https://theaterkaendace.at/produktionen-archiv/das-zimmer-theater/

Von Demokratie und Diktatoren

Das Schauspielhaus Graz blickt auf eine etwas andere Saison zurück und präsentiert sein Programm für die Spielzeit 20/21.

„Als Theater beschäftigen wir uns damit, was den Menschen ausmacht“, sagt Iris Laufenberg, Indendantin des Schauspielhaus Graz. Die letzten Monate waren eine Herausforderung für ihren Betrieb. Nachdem man in der Spielzeit 19/20 eine noch nie dagewesene Saalauslastung von rund 92 Prozent verzeichnen konnte, war im März plötzlich Schluss. Das Theater bleib geschlossen und auch der Spielzeitplan für die neue Saison musste umgeworfen werden.

Die Indentantin sah die Krise aber auch als Chance, sich als Theater weiterzuentwickeln: „Wir haben digital expanidiert wie noch nie“. So wurden mit „#dramazuhause“ und der 360 Grad Performance von „Judas“ völlig neue Möglichkeiten erschlossen. Mancherorts musste man aber einsehen, dass es Dinge gibt, die nur live funktionieren: „Der Ring Award lässt sich nicht digitalisieren. Solche Abende leben auch vom gemeinsam Lachen im Publikum“, so Laufenberg.

Die vergangenen Monate ließen das Team des Schauspielhaus Graz auch ihr Konzept für die kommende Spielzeit völlig umgestalten. Ursprünglich geplant war ein Programm rund um das Thema „Entschleunigung“. „Wir haben aber gemerkt, dass wir mit dem Thema Heimat diese Saison einen Nerv getroffen haben“, meint Laufenberg. Daher beschloss man, hier anzuknüpfen.

In der Spielzeit 20/21 werden sich die Inszenierungen somit rund um das Thema „Staat und Politik“ drehen. Für Chefdramaturgin Karla Mäder aktueller denn je: „Gerade in den letzten Monaten konnten wir sehen, wie stark der Staat seine Muskeln anspannen und seine Kraft ausüben kann“. Die Planung der Spielzeit steht dennoch unter dem Motto: Mit Vorbehalt und schauen, was bis Herbst passiert. So sind die Stücke der Spielzeit für Haus 1 bereits geplant. Hingegen wartet man mit der endgültigen Festlegung eines Spielplans für Haus 2 und 3 noch bis in den Herbst.

In Haus 1 erwarten die BesucherInnen diese Spielzeit acht neue Stücke. Den Beginn liefert Thomas Köcks „dritte republik (eine vermessung) teil drei der kronlandsager“. Hier wird sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, was Grenzen heute noch sind. Als zweite Premiere wartet das Schauspielhaus Goethes Klassiker „Renike Fuchs“ auf. Eine Tierfabel die sich mit dem Konzept des Staates auseinandersetzt. Heiter wird es mit Elfriede Jelineks „Das Licht im Kasten“.

Im Schauspielhaus möchte man die kommende Spielzeit auch nutzen, um sich anzusehen, was echte Klassiker und über die aktuelle Zeit erzählen können. So wird Julia Gräfner in der Hauptrolle von „Der große Diktator“ zu sehen sein. „Making a Great Gatsby“ wird erörtern, was heute noch vom American Dream übrig ist.

Klassisch bleibt es auch mit zwei Shakespeareinzenierungen. So wird das bereits für diese Saison geplante Stück „Macbeth“ aufgenommen und „Ein Sommernachtstraum“ auf die Bühne gebracht. Auch auf eine neue BürgerInnenbühne und Wiederaufnahmen darf man sich freuen. Sicher scheinen hier unter anderem „Heldenplatz“, „Vögel“ und „Josef und Maria“ zu sein.

Alle die gerne ein Kartenabo erwerben möchten, können hierfür ab Mitte Juli Karten reservieren. Die Aussendung der Karten erfolgt dann im Herbst, wenn klar ist, auf welche Sicherheitsbestimmungen in der Spielzeit 20/21 Rücksicht genommen werden muss.
Weiter Informationen finden Sie HIER.

Ein runder Abschluss ohne Dis- aber mit -Tanz

Der Tanzabend im Ersatzprogramm der Oper Graz brachte unter (Dis)Tanz einen bunten Reigen aus Vergangenem und Zukünftigem.

Enrique Sáez Martínez (c) Werner Kmetitsch

Der Zauber eines Abends in der Grazer Oper erstrahlt nach drei Monaten des Verzichts in noch hellerem Glanz. Denn auch wenn man in den vergangenen Wochen viele schöne Aufführungen gemütlich aus dem Wohnzimmer verfolgen konnte – das Live-Erlebnis ist nicht ersetzbar. Zwar öffneten sich die Pforten immer nur für eine kleine Zahl an Zuschauern, die Geste an sich hat aber mit Sicherheit noch viele weitere Herzen berührt. Auch das Ballett der Oper gestaltete unter der Leitung von Beate Vollack ein Programm voll stimmiger Rück- und Ausblicke.
Nach einem kurzen Entrée aus Roméo et Juliette, bekam das Publikum einen Rückblick auf drei Produktionen der Ära Vollack. Die getanzte Version von E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“ nach einer Choreographie von Andreas Heise konnte auch in dieser reduzierten Version sofort die fesselnde Stimmung dieser Produktion wieder heraufbeschwören. Der geniale Enrique Sáez Martínez verkörperte erneut die geplagte Seele Nathanel, die verzweifelt ihre Freiheit aus dem scheinbar von außen auferlegten Wahn sucht. Seine Bewegungen sind geprägt von höchster Verdichtung gepaart mit einer ganz natürlichen Anmut. Als Zuschauer ist man dabei von Kopf bis Fuß gebannt, und so mancher Fan des spanischen Tänzers ist schon jetzt ganz nostalgisch ob seines Verlassens des hiesigen Ensembles. Auch mit Paulio Sóvári wurde der nächste Charaktertänzer auf der Bühne präsentiert. Mit seinen Längen und bedächtigen Bewegungen erinnerte Sóvári als „Sandmann“ an eine Spinne, der ihr Opfer faszinierend und verängstigend ins Netz lockt.

Frederico und Miki Oliveira (c) Werner Kmetitsch

Als folgende Produktion wurden die „Jahreszeiten“ von Beate Vollack zur Musik Joseph Haydns dargestellt. Auch wenn die Unmittelbarkeit des Erlebnisses durch Live-Musik wohl noch gesteigert hätte werden können, wurde die Lage unter den gegebenen Umständen bravourös genutzt. Hier bezauberte vor allem Miki Oliveira als feenhafter Winter mit weicher Anmut. Als amüsanter Kontrast gestaltete sich der Herbst mit Bacchus und seinen Bacchanten, die frisch und fröhlich (und das bei gebührendem Babyelefantenabstand!) eine beschwipste Einlage lieferten. Auch mit Cinderella folgte eine Choreographie von Beate Vollack, die hier auch selbst die böse Schwiegermutter verkörperte. Die Reminiszenz an die unterhaltsame aber wenig originelle Produktion begann mit einer Anfangsszene aus der Ballettschule und konzentrierte sich dann auf die Geschichte zwischen Aschenputtel und dem Prinzen. Nach den Solos der beiden Figuren (Ann-Kathrin Adam und Philipp Imbach) durften Lucie Horná und Christoph Schaller, die glücklicherweise im selben Haushalt wohnen, auch die Paarszene der Liebenden auf die Bühne bringen. Trotz dem Aufmerksamkeitsüberhanges zugunsten des weiblichen Parts, überzeugt diese Szene doch durch die Vertrautheit des Paares und die fließende Gestaltung.
Nach einem zu kurzen aber sehr intensiven Intermezzo aus „Zum Sterben zu schön“ mit der grazilen Martina Consoli als Muse, folgte ein Ausblick auf die kommende Produktion „Happy (No) End“. Die Idee von Sascha Pieper übersetzt die akzentreiche Musik Benjamin Brittens in Bewegungen voll Anziehung und Abstoßung, Sprünge und Kanten. Miki und Frederico Oliveira, teilweise im Trio mit Bálint Hajdu, bewiesen dabei beeindruckende Synchronizität in einem spannenden und dynamischen Hin und Her.
Ein bunter Tanzabend nach einer langen Durststrecke mit umso energiegeladeneren Tänzern – was kann man sich da mehr wünschen?

Weitere Informationen zur Veranstaltung unter:
https://oper-graz.buehnen-graz.com/production-details/distanz