Beschädigte Zustandsbeschreibung

Unter der Regie von Klaudia Reichenbacher bringt das Theater Kaendace mit „Alfred & Lieder aus einer beschädigten Welt“ eine melancholische Mischung aus Gesang, Text und Musik auf die Bühne des Grazer ARTists und prangert ernsthaft-ironisch Zustände unserer Zeit an. 

Alexander Mitterer liest dazu aus dem Buch „Alfred“ von Alfred Komarek und gibt spielerisch-wortgewandt Einblick in die abstruse Welt, in der wir leben. Der junge Alfred, der voller Träume steckt, findet sich selbst nach gescheiterten Jobversuchen als gebrauchter Mistkübel auf der Müllhalde wieder und sucht , auf dem Boden der Realität angekommen, zu sich selbst. Was er auf dem Pfad der Erkenntnis findet, gibt einem zum Nachdenken. 

(c) Nicolas Galani

Die Musiker Daniel Fuchsberger (Kontragitarre, Marimba, Gesang), Reinhold Kogler (Gitarre, Mandoline, Gesang) und Martin Veszelovicz (Akkordeon) begleiten das Stück in abwechselnd elegischen, aufheiternden Klängen. Die Inszenierung entwickelt sich zu einer Art Protestsongkonzert, wo ein Hit den nächsten jagt und verschiedene Themen unserer beschädigten Welt aufgegriffen werden. 

Vereinsamung und Social Distancing als Liebesbeweis, Konsumverhalten, Umweltverschmutzung und Bauwut lassen uns irgendwann fragen: „Sind wir das eh noch oder wäre es vielleicht doch besser die Uhr ein ganzes Leben lang zurückzudrehen?“ Es ist ein schauderndes Bild, das sich uns zeigt, und da wundert es nicht, dass das Stück damit endet, ob es vielleicht nicht doch besser wäre, einfach davon zu fliegen. 

Infos und Termine: https://theaterkaendace.at/produktionen-archiv/alfred/

Ein Pfiff auf die Oper!

Der Kunstjongleur Nikolaus Habjan bewies sich als Kunstpfeifer im Grazer Schauspielhaus.

(c) Lukas Beck

Mit seinen gefeierten Erfolgen als Puppenspieler und Regisseur ist es Nikolaus Habjan nicht genug – auch die Kunst des Pfeifens findet sich in seiner kreativen Trickkiste. Mit Opernarien von Händel bis Verdi füllte seine Pfeiferei einen Abend begleitet von Ines Schüttengruber am Klavier. Zu seinem besonderen Instrument kam der junge Habjan als er realisierte, dass die auf der Geige zu übenden Melodien doch viel einfacher zu pfeifen sind. Dieser Erkenntnis verdankte das Grazer Publikum ein Opernprogramm der besonderen Art. Mit barocken Arien von Georg Friedrich Händel zeigte Habjan gleich zu Beginn in welch helle und lichte Höhen er sich pfeifen kann. Kunstvoll meisterte er lange Atembögen ebenso wie geschwinde Läufe und unterstrich die Stimmung seiner Stücke durch eine Gestik à la Opernsänger (eine wechselnde Mimik bleibt dem Kunstpfeifer ja vorenthalten). Auch die folgenden Arien von Gluck und Mozart ließen die Wendigkeit seines Pfiffs bewundern, und manche 100ste Wortwiederholung einer Opernarie geht in der Pfeifversion nicht ab.


Im Weiteren führte das Programm zu romantischen Stücken bei Wagner, Verdi und Janáček. Eine schöne Phrasierung ließ den Geist der Arien kunstvoll durch den Raum schweben, für den vollen Zauber dieser Musik vermisste man aber an manchen Stellen doch die oft so kongeniale Symbiose aus Wort und Melodie in der Oper. Ein atmosphärischer Höhepunkt war gewiss die „Klage an den Mond“ der Rusalka, deren süßliche Schönheit die beiden Musiker feinsinnig beschwörten. Auch um manches effektvolle Amusement war Nikolaus Habjan nicht verlegen, und so kaprizierte und stockte er als Puppe „Olympia“ aus Hoffmanns Erzählungen sehr zum Vergnügen der Zuhörer. Ein weiteres Extra des Vortrags von Habjan sind seine plakativ-gewitzten Opernkurzzusammenfassungen, die er seinen Arien voranstellt. So mancher Opernfan hat an diesem Abend seine wohlvertrauten Opernfiguren wohl auch aus einer ganz neuen Blickrichtung kennen gelernt.

Weitere Informationen zum Konzert unter:

Die Gefahr der modernen Technologie

Unter dem Titel „Denn sie wissen was du tust“ tauchen die Zuschauerinnen und Zuschauer in die Welt der künstlichen Intelligenz und digitalen Überwachung ein. In dem Stück, inszeniert vom Theater Feuerblau und aufgeführt im Kristallwerk, begleitet man einen investigativen Journalisten auf seinen gefährlichen Recherchen, der durch digitale Datenverfolgung und Überwachung schlussendlich in die Fänge eines Unternehmens gerät.

© Clemens Nestroy

Nach monatelangem Warten auf das heißersehnte Wiedereröffnen der Theater und Spielstätten, ist dieses spannende Stück genau das Richtige, um sich mitreißen zu lassen. Das einstündige Theaterstück gibt Einblicke in das Leben eines Journalisten, der mit seiner Recherche Aufsehen bei einem großen Unternehmen erregt. Durch eine gelungene Inszenierung kann man den Nervenkitzel spüren, als der Journalist mehr und mehr ins Visier des Unternehmens gerät. Der gesellschaftskritische Standpunkt der Speicherung und Analysierung unserer Daten wird durch die Reise des Journalisten widergespiegelt. Zusätzlich werden die Gefahr und Macht dargestellt, die manche Unternehmen sowie einzelne Persönlichkeiten durch diese Daten erhalten.

Klaus Seewald spielt den Protagonisten des Theaterstücks, den die Zuschauer als Journalist auf seinem Weg von einfachen Recherchen bis in den Verhörraum begleiten. Voller Neugier und Wissbegierde beginnt seine Reise bei der Recherche über den Abbau von Coltan, das für die Konstruktion von elektronischen Geräten verwendet wird. Wegen seines Suchverhaltens und Aufenthalts im Kongo wird ein Unternehmen auf ihn aufmerksam und will mit allen Mitteln verhindern, dass der Protagonist Informationen über die Bedingungen des Coltan-Abbaus veröffentlicht.

© Clemens Nestroy

Durch den digitalen Fußabdruck, den der Journalist aufgrund seiner Fitnessapp hinterlässt, wird er mit einem Bombenanschlag in Verbindung gebracht. Verhört und tagelang in einem Raum eingesperrt ist die einzige Stimme, mit der er kommunizieren kann, eine künstliche Intelligenz, die auf seine Mitschuld beim Verbrechen beharrt, denn „Die Daten lügen nicht!“

Der Protagonist lässt sich nicht einschüchtern und weigert sich zu garantieren, dass keine Details seiner Recherche an die Öffentlichkeit gelangen werden, denn das wäre unmenschlich. Und die Menschlichkeit ist es schlussendlich, die wir uns bewahren müssen!

Ein sehr empfehlenswertes Stück, das einem bewusst die Gefahr unserer modernen Technologie und die damit verbundene unüberlegte Weitergabe von persönlichen Daten vor Augen führt.

Weitere Infos zum Stück unter: http://www.theaterfeuerblau.at/

Co-Autorin des Texts: Theresa Zotter

Beitragsbild: © Lotta Dallermassl