Altes Epos, junge Perspektive

Das BORG Kindberg baut zum wiederholten Mal die große Musical-Bühne auf und lädt mit einer Neufassung von Homers „Odyssee“ zur Reise quer durch Europa. Regie führt Georg Schütky.

Der hoffnungslos optimistische Ulisses (Erhard Hochörtler), die rebellische Penny (Anna Hirzberger) und die unscheinbare Helena (Loreen Tröbinger) machen sich zum Roadtrip auf, da ihr Flug nach Ithaka gestrichen wurde. Die Reise der SchicksalsgefährtInnen führt sie im Zug, Truck, auf Motorrädern und mit dem Boot nicht nur näher an ihr Ziel, sondern vor allem zueinander und zu sich selbst. „Odyssee – Das Musical“ verarbeitet Gedanken zu Liebe, Selbstverwirklichung, Vertrauen und Freundschaft, die heute wie auch zu Zeiten Homers bewegen, verzichtet aber nicht darauf, politisch Standpunkt zu beziehen – etwa durch die Begegnung mit Geflüchteten in Belgrad.

Loreen Tröbinger, Erhard Hochörtler, Anna Hirzberger und Stefan Müller. (c) Fotos (3): BORG Kindberg

Auslöser der Reise sind die gelangweilten Göttinnen und Götter auf ihrem Greenscreen-Olymp neben der Bühne. Auf einem weißen Segel inmitten der Bühne finden sich ihre Gesichter dank der Video-Technik wieder – hier trägt die „Odyssee“ Schütkys Handschrift. Auch die Erde kommt ohne viel Requisite aus, mit ein paar grünen Boxen wird so ziemlich alles nachgebaut. Dionysos, der göttliche Dirigent (Archie Hochörtler), liefert mit seinem Orchester den vielseitigen Soundtrack zur Reise: Im LKW des etwas ungepflegten, aber umso stimmgewaltigeren Heinz (Stefan Müller) spielt es ein Schlager-Medley inklusive Helene Fischer, Udo Jürgens und DJ Ötzi; in Budapest wird in Neonfarben zu „Don’t stop till you get enough“ von Michael Jackson gefeiert (Choreographie: Martina Riegler) und bei „Nothing Else Matters“ von Metallica finden Penny, Ulisses und Helena nach einem Streit wieder zueinander.

Gesanglich zeigen die SolistInnen und das Ensemble der „Odyssee“ eine großartige Leistung nach der anderen. Vanessa Krainer verkörpert die gruselige Sektenführerin Kirke mit stechenden Blicken und intensiviert die Stimmung mit ihrer verführerischen Stimme. Anna Hirzberger prescht mit immenser Energie von der ersten bis in die letzte Szene, trifft jede Note, spielt jede Emotion so groß wie nur möglich – ihre persönliche Odyssee führt wohl auf die großen Bühnen der Welt.

Das Musical des BORG Kindberg zeigt, wozu junge, talentierte Menschen fähig sind, wenn man ihnen eine Stimme und eine Bühne gibt. Fast zwei Jahre lang haben sich Regisseur Georg Schütky, der zuletzt mit „König Artus“ die Spielsaison am Next Liberty eröffnete, 150 SchülerInnen und viele Lehrkräfte des BORG Kindberg  mit ihrer neuartigen „Odyssee“ auseinandergesetzt. Die Arbeit hat sich ausgezahlt, denn sie haben sie es geschafft, eines der ältesten europäischen Epen ins Heute zu übertragen, als Musical im großen Stil zu arrangieren und dem Ganzen eine authentische junge Perspektive zu verleihen. Mit über 2500 ZuseherInnen in drei Vorführungen ist eines klar: Kultur gehört nicht nur der Landeshauptstadt.

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Plädoyer zum Sein

Das internationale Theaterfestival spleen*graz, das alle zwei Jahre in Graz stattfindet und ein buntes Programm für junges Publikum bietet, lädt im Spielort Kristallwerk zum Stück Pink for Girls and Blue for Boys ein, bei dem auf humorvolle Weise Geschlechterrollen hinterfragt und schließlich verworfen werden. 

Zimmerpflanze, Wasserkocher, Mikrowelle, Sofa. Zu Beginn wird der Raum ausgestattet mit den anscheinend wesentlichsten Dingen, um in einer WG zu überleben. Vier Menschen ziehen ein. Dann kommt Schwung in den Raum. Die vier bewegen sich, alleine und paarweise. Tanzenderweise finden Kontaktaufnahme, Diskussionen, Streit und Sex statt. Es wird merkbar, dass der Grad zwischen Aggression und Harmonie oft recht schmal zu sein scheint. Mal wird eine abwehrende Haltung eingenommen, dann wird es wieder romantisch. Oder ist das nur Täuschung?

Es sei altbekannt, meint eine der beiden Frauen plötzlich in Richtung Publikum, Mädchen seien schwach. Ja genau, schwach, denn sie hätten keine Muskeln. Mädchen bräuchten immer Hilfe, denn sie schafften einfach nichts alleine. Mädchen seien weder zum Fußball noch zum Basketball spielen fähig. Mädchen könnten eigentlich gar nicht. Das Einzige, in dem sie gut seien, sei weinen. Sie redet sich in Rage und wird immer wütender, bis sie schließlich schreiend alle Mädchen auffordert, den Raum zu verlassen. Das Publikum, konfrontiert mit den Behauptungen, schwankt zwischen Entsetzen und Lachen, so absurd scheint die Szene.

Annäherungsversuche zwischen den beiden Männern oder innige Küsse, die zwischen den beiden Frauen ausgetauscht werden, sorgen anfangs bei den jeweils anderen für Irritation, Gelächter und fassungslose Blicke.

Die Produktion hat ein Thema aufgegriffen, das auch in der heutigen Gesellschaft noch aktuell ist. Dem Geschlecht und damit einhergehenden Vorstellungen, Anforderungen und Spielregeln messen die meisten Menschen nach wie vor große Bedeutung zu. Beispielsweise ist die Frage nach dem Geschlecht des Babys eine der ersten, die Eltern nach der Geburt ihres Kindes (oder sogar schon davor) gestellt wird. In den allermeisten Bekleidungsgeschäften gibt es nach Geschlecht getrennte Abteilungen, egal ob für Kinder oder Erwachsene. Erst kürzlich machten zwei norwegische Frauen in einer Kampagne den Modekonzern H& M darauf aufmerksam, dass es Einfluss auf Kinder ausübe, wenn auf T- Shirts für Mädchen mitgeteilt würde, dass die kleinen Dinge im Leben zählten, während die Kleidung für Jungen dazu motiviere, Future Stars zu werden.

Diesen Umständen zum Trotz stellt sich heraus, dass diese vier Menschen unbeirrbar sind in der Umsetzung ihres Wunsches, so auszusehen, zu handeln und zu sein, wie sie möchten. Alle dürfen herzzerreißend weinen, mit den Hüften schwingen und sich so anziehen, wie sie wollen.

Bald verändert sich das Bühnenbild und aus der gepflegten WG wird eine herrlich chaotische Werkstatt. Es ist schwer zu entscheiden, wohin man zuerst den Blick richten soll. Ständig bilden sich neue Figuren aus gebastelten Kostümen und so ändern sich auch die Szenerien laufend. Eine Strumpfhose ist die perfekte Basis für die zweite Haut, unter die dann Watte repräsentativ für Armmuskeln gestopft wird. Die Yogamatte wird zum Turban umfunktioniert, aus einer Plane ein Kleid geschneidert. Das weckt die Lust, selbst auf die Bühne zu rennen, in den Materialien zu wühlen und sich zu verkleiden!

Die Choreografin Tabea Martin hat gemeinsam mit Tanzhaus Zürich und Krokusfestival Hasselt ein lebendiges Stück geschaffen, das mit der technisch beeindruckenden Tanzperformance dem Publikum eine klare Botschaft vermittelt: wir alle dürfen den Mut fassen, die Erwartungen an uns, wie wir zu sein haben, über Bord zu werfen, um endlich so zu sein, wie es sich für uns selbst richtig anfühlt. Weiterlesen

Die Ohren voller Lebensfreude

Beim 4. Festkonzert im Stefaniensaal boten das Sinfonieorchester und der Chor des Johann-Joseph-Fux-Konservatoriums mit den SolistInnen Ildikó Raimondi und Clemens Unterreiner einen Operettenreigen getreu dem Motto „Karneval in Graz“.

Die Zeit rund um den Karneval steht für Unbeschwertheit, Spaß und Genuss – Gefühle, die dieses 4. Festkonzert prägten. Das junge Sinfonieorchester zeigte sich unter der Leitung von Dirigent Thomas Platzgummer von seiner besten Seite und entführte mit den Stars der Wiener Staatsoper das Publikum, selbst eine gute Mischung aus Jungen und Jung gebliebenen, in die lustige Faschingszeit.

Auf dem Programm standen nicht schnulzige Karneval-Hits, sondern eine vielseitige Auswahl. Eröffnet wurde mit der klassisch-blasmusikalisch gehaltenen „Festlichen Fanfare“ von Robert Stolz, dem großen Grazer Komponisten der Lebensfreude. Nicht nur für ihn war dieses Festkonzert eine Heimkehr, denn Bariton Clemens Unterreiner feierte sein Debüt im Musikverein Graz. Passend dazu widmete er das Lied „Ich hab mich tausendmal verliebt, immer in die eine“ von Stolz der Stadt an der Mur, in der er viel Zeit seiner Kindheit verbrachte.

 

Romantische Klänge, diesmal u.a. aus der Feder von Carl Millöcker, dominierten auch den ersten Teil: Von Unterreiner hieß es „Ach, ich hab sie ja nur auf die Schulter geküsst“, das komödiantisch und mit dem Publikum witzelnd zum besten gegeben wurde. Gefühlvoll und fein interpretierte Sopranistin Ildikó Raimondi „Ich schenk mein Herz“, drohte dabei jedoch vom Orchester oft übertont zu werden. Die energetische „Pique-Dame“-Ouvertüre von Franz von Suppé und Joseph Gungls verträumter „Hydrophatenwalzer“ komplettierten die erste Hälfte des Abends.

Operetten-Schmankerl mit viel Witz, die großartigen Leistungen des jungen Sinfonieorchesters sowie des Chores und nicht zuletzt die erwartungsgemäß qualitätsvollen Interpretationen von Ildikó Raimondi und Clemes Unterreiner beendeten den Abend zurecht mit stehenden Ovationen.