Die Ungesehenen

Ida Maly, 1917, Porträt der Schauspielerin

In gleich zwei Ausstellungen widmet sich die Neue Galerie jenen KünstlerInnen die bislang weniger beachtet wurden. Stehen in der Neuen Galerie steirische KünstlerInnen im Zentrum, kann man im Bruseum das Leben und Werk von Dominik Steiger betrachten. 

Geniale SchöpferInnen 

Brus, Nitsch, Mühl – Namen die in Österreich sofort mit Kunst in Verbindung gebracht werden. Die Vornamen deuten aber darauf hin – alle sind Männer. Tax-Hochhauser, Roth, Maly – Namen die in weniger Munde und auch in weniger Galerien zu finden waren. Die Vornamen allesamt weiblich. Die Neue Galerie lädt ein, jene KünstlerInnen  zu bestaunen, die bisher nur wenig Aufmerksamkeit bekamen und sich mit ihren künstlerischen aber auch persönlichen Entwicklungen zu befassen. Neben den Werken immer mit präsent sind daher auch die Biografien der KünstlerInnen, die durchaus Einblick geben in die schwierigen Bedingungen sich in einer von Männern bestimmten Domäne, der Kunst, einen Namen zu verschaffen. Ins Zentrum rücken somit nicht nur die Werke der Frauen, sondern auch die historische Gender Ungleichhei, die für Frauen lange wenig Platz in der Kunst vorsah. Beginnend mit dem Geburtsjahr 1850, verfolgt man 100 Jahre lang die Entwicklung und Position von Künstlerinnen im steirischen Kunstraum und wird angeregt zu reflektieren, warum die Namen weiblicher Künstlerinnen im kulturellen Gedächtnis weniger erinnert werden als die ihre männlichen Zeitgenossen. So stellt sich mit jedem Werk das bestaunt wird nicht nur eine Frage der Ästhetik, sondern vor allem auch eine Frage der Geschlechterrollen und ihrer Bedeutung für das Leben von Frauen.

Künstlergenies hinterfragt

Dominik Steiger, 1984, Aufgetakelter Schuh

Auch Dominik Steiger zählt zu einen der weniger Gesehenen, fast untergehend unter den großen Namen wie Brus oder Nitsch. Die Ausstellung im Bruseum widmet sich seiner Entwicklung als Künstler, der sowohl in Bild, Skulptur als auch in der Performance Kunst ein sehr schaffensreiches Leben verfolgte. Sprache als wichtigster Ausgangspunkt seines Schaffensprozesses tritt in den Vordergrund vieler seiner Werke, wie zum Beispiel an der Werkreihe “Letterfälle” sichtbar wird, die davon lebt, dass unterschiedliche Lesearten auch unterschiedliche Interpretationen der Werke ergeben. Die Vielfältigkeit von Deutungen lässt sich auch in seinen “Kulturcollagen” erfassen, Werke, in denen er Postkarten nicht nur als nostalgische Erinnerungen sondern als fast schon archäologische Kommunikationsmittel behandelt. Besonders seine letzte Werkgruppe, die Art Complete zuzuschreiben ist, zeigt sein vielfältiges und facettenreiches Schaffen und seinen Willen zur ständigen Weiterentwicklung in der Kunst. Umgestaltete Auktionskataloge und mit Farbe bemalte Paketgriffe, Experimente mit geltenden Konventionen, stellen gekonnt Rollenbilder und das Klischee des Künstlergenies in Frage. 

Klein aber oho! Die Ameisen im Joanneum

Kleinen Krabbeltierchen widmet sich die Ausstellung „Von Sklavenjägern und Viehhaltern“ im Naturkundemuseum des Joanneumviertels.

Ausstellungssujet
Amazonenameise (Polyergus rufescens) im Kampf mit Rasenameise (Tetramorium sp.). Foto: G. Kunz

Jeder kennt sie, doch wer kennt sie wirklich? Über 100 verschiedene Ameisenarten gibt es alleine in der Steiermark. Das ist schon nicht schlecht, im globalen Vergleich aber doch eher bescheiden: über 14.000 verschiedene Arten von Ameisen wurden bereits bezeichnet, Tendenz steigend. In drei Räumen werden die Besuchenden der Ausstellung in die Arten der Ameisen, deren Verhalten und Lebensweisen eingeführt.
Im ersten Abschnitt darf man sich über die originellen Namen der verschiedenen Familien wundern: Moorameise, kleine Säbelameise, Ernteameise, Arbeitslose Parasitenameise und viele mehr. Letztere gehört zu einer eher aggressiven Bande, die selbst keine Arbeiterinnen produzieren und in königinnenlose Nester anderer Ameisen eindringen, um deren Dienste mit zu nutzen. Ganz allgemein wirkt die Ameise, abseits ihres eigenen „Stammes“, wie ein nicht sehr soziales Geschöpf, bekriegen sich doch auch verwandte Völker oft bitterlich. Doch nicht ganz schwarz ist das Sozialleben dieser Tierchen: Es wurden auch Fälle von Kooperationen verschiedener Nester beobachtet, die ihre Kräfte vereinen um dann, wer weiß, nach höheren Ameisenzielen streben. Bei der Artenbestimmung ist man als Laie mit den kleinen verplexiglasten Tierchen doch ein bisschen überfordert, die verschiedenen Stielchenglieder, Einschnürungen und Hinterleibskrümmungen und -behaarungen zu unterscheiden. Doch Arten wie die Stöpselkopfameise sind auch für Ameisenanfänger unschwer zu erkennen. Den malerischen Namen hat die Stöpselkopfameise von ihrem rechteckigen Kopf, mit denen ihre Kämpferinnen zur Abwehr gegen unliebsame Eindringlinge die Eingänge der Nester verstopfen können. Überhaupt ist das Verhalten der Ameisen der wohl interessanteste Aspekt der Ausstellung und so darf man noch über manch andere eigentümliche Gewohnheit der Ameisen erfahren. Treffen sich etwa zwei Ameisen, streicheln sie sich mit ihren Fühlern gegenseitig über den Kopf um an den Duftstoffen das Gegenüber als Freund oder Feind zu erkennen. Eine Kopfmassage als Begrüßung – das ist doch mal eine nette Idee! Außerdem sind Ameisen Meister in der Viehhaltung. Ihre Hauptnahrungsquelle ist der Honigtau, den sie von verschiedenen Läusearten gewinnen. Dabei trippeln sie den Läusen auf dem Pelz herum, bis diese das kohlenhydratreiche Sekret abgeben. Als Gegenleistung halten die Ameisen Fressfeinde der Läuse durch ihre bloße Anwesenheit fern – die kleinen Krabbler gelten bei der Mehrzahl der Tiere nämlich als ungenießbar. Zum Abschluss sieht man drei verschiedenen Arten noch in Großaufnahmen aus der Elektronenmikroskopie. Auch wenn der Besuch dieser Ausstellung nicht halbtagesfüllend ist, gibt der Rest des Naturkundemuseums doch noch eine Vielzahl an zu entdeckenden Wunderlichkeiten unserer Umwelt preis. Der nächste Besuch kommt bestimmt.

Weitere Informationen zur Ausstellung unter:

https://www.museum-joanneum.at/naturkundemuseum/ausstellungen/ausstellungen/events/event/8873/von-sklavenjaegern-und-viehhaltern

Brandl hoch 2

Mit gleich zwei Ausstellungen ist der österreichische Maler Herbert Brandl derzeit in Graz vertreten. Das Kunsthaus Graz und auch das Künstlerhaus KM widmen sich derzeit dem regen Schaffen des in Graz geborenen Künstlers. 

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Herbert Brandl/ MORGEN/ Kunsthaus Graz

MORGEN benennt sich die Ausstellung im Kunsthaus Graz. Sowie auch dem Begriff Morgen etwas Ungewisses anhaftet, etwas das sowohl Hoffnung als auch Enttäuschung bringen könnte, besonders in Zeiten wie diesen, so ist auch die Ausstellung gezeichnet von Oppositionen. Im Space 01, zwischen versteinerten Gämsen und Lucky Luke, sieht der Besucher Malereien und Skulpturen die durch die Aufteilung im Raum in Dialog miteinander treten. Vergoldete Hyänen treffen auf Ice Age`s Figur Sid. Die im Space 02 gezeigten großflächigen Malereien bilden im wandlosen Raum eine eigene Architektur, die sich mit jedem Schritt, jedem Blickwinkel ändert. Jedes Bild für sich betrachtet, bildet bei Voranschreiten ein Ganzes mit den restlichen Werken. 

Vom architektonisch wandlosen Raum zum klassischen White Cube. Auch im Künstlerhaus KM findet man sich auf zwei Ebenen. Die  Ausstellung, unter dem Titel 24/7, fragt nach der Werkentwicklung des Künstlers über die Jahrzehnte und sucht den Ausgangspunkt für das Kunstschaffen Brandls. Ebene 1 und Ebene 2 repräsentieren zwei unterschiedliche Zyklen. Ebene 1 präsentiert den momentansten Zyklus; erst 2020 entstanden. 24 farbenreiche Monotypien ziehen den Besucher/die Besucherin durch das intensive Spiel zwischen Realität und Abstraktion in den Bann. Auch die Titel der Gemälde, zum Beispiel HIHIHIHI (2020) oder GACK GACK GLUCK (2020), Ausrufe der Umpah-Pah Comics, lenken die Aufmerksamkeit auf die Malerei selbst und weg von Erklärungsversuchen. Die zweite Ebene stellt ein Gegenüber – zeitlich und technisch. Sieben Arbeiten aus den 1980ern bilden für das Auge einen Gegensatz zur farbenprächtigen Ebene eins,  da es sich ausschließ um schwarze Tusche handelt, die auf dem weißen Papier durch Form zum Phantasma wird. 

Herbert Brandl bezeichnet sich selbst als “Pessimist aus Leidenschaft” und so wurde auch in beiden Museen der Kontrast durch die jeweilige Aufteilung auf zwei Ebenen gesetzt – ein Auf -und Abtauchen zwischen skurrilen Comic-Referenzen und dystopischen Visionen lässt den Betrachter/die Betrachterin das Morgen fast vergessen.