Von Waschmaschinen und der Liebe

Der gute Gott von Manhattan wirkt nach etlichen erfolgreichen Vorstellungen im Jänner wieder im HAUS ZWEI des Schauspielhauses Graz. Das Hörspiel von Ingeborg Bachmann, welches als klares Leitmotiv die Liebe verfolgt, wird somit erstmals auf die Bühne gebracht, lässt dem Zuseher dennoch genügend Freiraum für Phantasie.

5 Schauspieler, ein paar Waschmaschinen und die Liebe. Im Gegensatz zu Disney, Hollywood und Co., wird das Gefühl der Liebe hier aber keineswegs als positiv geschildert. Die rosarote Brille führt bei den Protagonisten eher zu einem Realitätsverlust und dem Vernachlässigen von Pflichten, als zu einer erfüllten, gar lebenslangen Romanze. Eine erfrischende Abwechslung zu den Schnulzen des alltäglichen Fernseh-Lebens. Den Handlungsrahmen bildet eine juristische Befragung eines Mannes, dem guten Gott von Manhattan (Franz Xaver Zach), wie er sich selbst betitelt. Es liegt nahe, dass dieser Charakter die Vernunft darstellen soll. Die Vernunft, die sich gegen leichtsinnige und kopflose Liebeleien stellt. Die Rede ist von einem oder mehreren Verbrechen, die der Mann begangen haben sollte. Die Taten an sich werden nie erwähnt, der Fokus liegt auf seinen Motiven, welche die Liebe als eben diesen Zustand der realitätsfernen Ektase beschreiben.

Die Bildkulisse bilden in jeglichen Szenen Waschmaschinen, ohne auch nur einmal den Zweck des Waschens zu erfüllen. Jennifer (Tamara Semzov) und Jan (Mathias Lodd), die zwei jungen Liebenden von denen der gute Gott den Juristen erzählt, lösen an jenen Waschmaschinen ihre Zugtickets, ehe sie sich inmitten der Grand Central Station finden. Der erste Begegnungsmoment erreicht beinahe Hollywoodniveau; ohne ein Wort miteinander zu wechseln wird gleich heftig geschmust. Die beiden wirken wie hypnotisiert, als wären sie in einem Trance-Zustand, was die Liebe, laut dem guten Gott im Grunde ja auch ist. Das frische Liebespaar ist, ihm nach, das Paradebeispiel für die Schattenseiten dieses Zustandes.

Die Szenen wechseln konstant zwischen der Befragung durch die Juristen (Vera Bommer, Nico Link) und der Handlung der jungen Liebenden. Die Beziehung wirkt beschleunigt, gehetzt, unpersönlich. Kaum etwas vom anderen wissend, teilen sie dennoch innige Momente, wenn sie beispielsweise tief in die Augen des anderen starren. Dieses Starren wirkt so intensiv und authentisch, dass es beim Zuseher ein regelrechtes Unbehagen auslöst.

Immer mehr weist der gute Gott auf das Absurde einer solchen leichtfertigen und überstürzten Liebesbeziehung hin, immer weniger wird dies von den beiden verstanden. Die Regisseurin lässt an dieser Stelle Liebesbriefe der Literaten-Paares Ingeborg Bachmann und Paul Celan vorlesen, in denen die Schwierigkeiten ihrer Beziehung geschildert sind. „Wenn Sie jemanden lieben, warum wollen Sie denn nicht der überlebende Teil sein und einfach dem anderen Leid überlassen?“, heißt es in den Briefen. Diese Inhalte regen auch das Publikum zum Denken an.

Wie vom guten Gott prophezeit, endet die Liebesaffäre von Jan und Jennifer tragisch, aber ohne viel Tamtam. Nach Tagen voller Exzentrik und wilden Nächten verliert Jan das Interesse an der kurzweiligen Bekanntschaft und entschließt sich, seinen Pflichten nachzugehen. Die letzte Szene rundet das emotionsbeladene Stück mit viel Konfetti, drehenden und leuchtenden Waschmaschinen und einer beeindruckenden gesanglichen Leistung von Bommer perfekt ab.

Das Einspielen von relevanten Passagen des Hörspiels verleiht dem Stück einen eigenen Charakter und lässt dem Zuschauer an manchen Stellen genügend Platz für die eigene Phantasie. Dies war laut der Regisseurin Claudia Bossard die Schwierigkeit an der Inszenierung dieses Schauspiels. Ein Hörspiel zu visualisieren kann oft dazu führen, dass kein Platz für freie Phantasie bleibt. Durch das Einsetzen diverser genannter Elemente und passenden Pausen ist das hier aber nicht der Fall. Dem Zuseher bleibt genug Freiraum für eigene Interpretation.

 

 

 

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Allein die ganze Bühne verwandeln

Mit Franz Kafkas „Die Verwandlung“ bringen Ed. Hauswirth und das Vorstadttheater Graz ein zeitloses Werk auf die Bühne, das ganz allein von Matthias Ohner zum Leben erweckt wird.

Als Gregor Samsa an einem scheinbar völlig normalen Morgen in seinem Zimmer in der elterlichen Wohnung erwacht, muss er feststellen, dass er sich verändert hat – sein Körper hat sich in den eines riesigen Ungeziefers verwandelt. Es ist ihm unmöglich mit seiner Familie zu kommunizieren, jedoch kann er alles verstehen, was diese sprechen. Der neue Zustand erschreckt natürlich sein Umfeld, das ihn aber trotzdem erkennen kann. Zunehmend hören sowohl Gregor, wie auch seine Familie auf, an Gregors Menschlichkeit festzuhalten.

Der Schauspieler Matthias Ohner spielt sich ganz alleine durch die kafkaeske Situation Samsas. Dabei fungiert er sowohl als Erzähler, als auch zwischendurch als Darsteller, der den Verwandelten verkörpert. Die Stimmen der Familienmitglieder kommen vom Band und machen dadurch eine Distanz zwischen Gregor und seinem sozialen Umfeld spürbar.

Im ersten Akt veranschaulicht Ohner die teils schwer vorstellbaren Aspekte der Geschichte rund um Samsa, indem er auf Overheadfolien symbolische Zeichnungen anfertigt, die das Publikum über eine Leinwand sehen können. Dabei blickt er kaum auf und wirkt in der Erzählung gefangen. Nur wenn er sich für einzelne Sequenzen in Gregor verwandelt und ihn auf die Bühne bringt, löst er sich von seinen Zeichnungen und dem Schreibtisch und macht sich zunehmend mehr vom Bühnenraum zu nutze.

Im zweiten Akt turnt Ohner sich sogar durch den Raum, indem er sich unter den Schreibtisch hängt um zu demonstrieren, wie Samsa es genießt, sich in seinem neuen Körper von der Decke des Zimmers hängen zu lassen. Ohner hechelt, hüpft und kriecht um Samas Situation für das Publikum spürbar zu machen, was ihm auch bravurös gelingt. Zum Höhepunkt hin wickelt der Schauspieler sein eigenes Gesicht immer mehr in Frischhaltefolie ein, was auch ihm zunehmend sein menschliches Aussehen raubt und die Verwandlung Gregors sichtbar macht.

Ed. Hauswirths Interpretation Kafkas Erzählung lebt vor allem vom genialen Auftritt Matthias Ohners, der es schafft, alleine so viel Emotion und Stimmung auf die Bühne zu bringen, das man keine Sekunde andere DarstellerInnen vermissen würde.

Sehr sehenswert!

Weitere Infos & Termine:  https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/die-verwandlung

Tartuffe begeistert Grazer Premierenpublikum

Markus Bothes Inszenierung von Molières Skandal-Komödie im Schauspielhaus Graz zeigt verblüffende Nuancen: Ein Ensemble, das an beziehungsweise auf seiner Bühne hängt, perfekt getimte Slapstick-Einlagen und Theater, das nicht nur vor, sondern auch im Publikum stattfindet.

Graz, 07. Dezember 2017

Das großartige Ensemble zieht die Zuschauer von der ersten Sekunde an in seinen Bann. Franz Solar wechselt für dieses Stück kurzerhand sein Geschlecht und brilliert gleich zu Beginn in Stilettos mit Charme und Stimmkraft als Madame Pernelle. Das sonst eher verhaltene Premierenpublikum pfiff doch tatsächlich auf die übliche Theater-Knigge und würdigte seine Performance zurecht mit einem Zwischenapplaus. „Das gab es noch nie“, so ein sichtlich verzückter Herr auf den vorderen Plätzen.
Überhaupt ist es ein Abend der starken und spannenden Darsteller. Niemand lockt und verführt auf der Bühne so schön und emanzipiert zugleich wie Henriette Blumenau. Julia Gräfner überzeugt als trotzige Zofe mit perfekt getimten Slapstick-Einlagen. Der heuchlerische Tartuffe wird von Pascal Goffin verkörpert, dessen „Robert Palmer“-Outfit einen Kontrastpunkt zu den goldenen Pailletten-Kostümen des restlichen Ensembles bildet. Mathias Lodd als Familienoberhaupt Orgon und Simon Käser als dessen Sohn Damis ließen gekonnt die Grenze zwischen Bühne und Publikum verschwimmen und sorgten für amüsante Verstörung und Entzückung. Die spürbare Dynamik und Wechselwirkung zwischen Ensemble und Publikum gehörte sicherlich zu den Höhepunkten des Premierenabends.

Molières bitterböse Komödie über den betrügerischen Tartuffe sorgte zum Zeitpunkt ihres Erscheinens für großen Unmut beim Klerus. Die Empörung darüber entlarvte, wie auch im Roman, die gesellschaftliche Doppelmoral. Im Zentrum der Handlung steht das ambivalente Verhältnis der Familie Orgons zu Hausgast Tartuffe. Während dieser von Orgon glorifiziert und dessen Mutter verteidigt wird, verhält sich der Rest der Familie ihm gegenüber eher misstrauisch und verunsichert. Schon bald wird dem Betrüger seine Schwäche für Elmire, Orgons Frau, zum Verhängnis und so verrät er sich letztendlich selbst. Geblendet von ihren Eitelkeiten und gehemmt durch ihre eigenen Unsicherheiten wird von der Familie zu spät erkannt, was sich hinter der attraktiven und geschulten Fassade verbirgt.

„Man handelt zunächst und denkt dann“, so Tartuffe. In der Beschreibung werden Parallelen zu Donald Trump gezogen, einem Tartuffe der Neuzeit und aktuellem Sinnbild für narzisstische Politik. Bothe gelingt der kritische Blick auf die Gesellschaft, untermalt wird diese Kritik durch ein Ensemble in Höchstform, ansprechende Optik und Sprachwitz. Zum Abschluss der diesjährigen Saison beeindruckt diese Inszenierung auf jeden Fall mit ihrem hohen Niveau und bietet tiefgehende schwarze Unterhaltung. Vom Publikum gab’s zurecht tosenden Applaus und stehende Ovation.

Meine Damen und Herren, lassen Sie sich tartuffisieren!