Ein Unikat in seinem Element

Der Opernfachmann und wendige Pianist Stefan Mikisch beehrte die Oper Graz.

Wer Stefan Mikisch erlebt hat, wird es nicht vergessen. Der gebürtige (und deutlich hörbare) Oberpfälzer hat als klavierbegabter Opernenthusiast seine ideale Nische gefunden: launige, kurzweilige und hochkompetente Operneinführung. Für die Premiere von Richard Strauss‘ Salome am 10. November nahm sich Mikisch dieser blutigen Geschichte an. In der Einleitung setzte der Musiker eindeutig auf das humorvolle Element und berichtete kurz und knapp die Geschichte der Salome. Auch wenn den meisten Zuhörern diese Geschichte nur allzu bekannt war: eine so witzige wie enthusiastische Inhaltsangabe hat man noch in keinem Opernführer gelesen.
So belustigend Mikischs Anekdoten sind, der faszinierende Kern seiner Einführungen ist sein Umgang mit der Musik. Wenn er die Musik Strauss‘ zerlegt, tut er dies nicht neutral oder sachlich, sondern mit Wertung und Hingabe. „Das klingt falsch, gehört aber so. Ich kann auch nichts dafür, dass der Strauss das so komponiert hat!“, wird man öfter des Abends von ihm hören und gleichzeitig entbirgt Mikisch so manche Juwelen aus der Partitur. Die dichte, komplexe Tonsprache von Richard Strauss weiß Mikisch nicht nur eindrucksvoll in den längeren Musikeinlagen zu präsentieren, sondern auch sie aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Die Motive der Protagonistin Salome sind meist liebreizend und voll Anmut. Deren Übergang zum Befehlston und ihre wahnsinnige Forderung sind ihr in der Musik aber ebenso „einkomponiert“, wie Mikisch hörbar zu schildern weiß. Besonders fasziniert scheint der Musiker auch von der Figur des Jochanaan, Johannes des Täufers, zu sein. Breit und sphärisch klingt das Thema von Salomes Objekt größter Begierde an und schnell wird deutlich, dass eine gewisse Mystik einem Mann doch sehr viel Sexappeal verleihen kann.
Wer vermutet hat, an diesem Abend nur mit der Musik von Richard Strauss in Berührung zu kommen, hat Stefan Mikisch falsch eingeschätzt. Gerne verweist der Pianist auf Wagner, dessen Opern ihn schon zu der ein oder anderen grandiosen Einführung inspiriert haben. Vor allem bei der Entschlüsselung der Harmonik des behandelten Werkes greift Mikisch gerne tiefer in die Komponistenschublade. „Hier geht das ganze über in cis-Moll. Cis-Moll, das kennen wir schon…“, setzt er an und schon geht die kühne Strauss’sche Tonsprache über in die klare Handschrift von Johann Sebastian Bach über. Die Wendigkeit und der gleichzeitige Fluss in der Musik scheint sich direkt aus Mikischs Hirn auf seine Hände zu übertragen. Nichts wirkt hier unnatürlich, auch kein fliegender Wechsel von Bach zu Ravel.
Nach knappen zwei Stunden setzt Mikisch einen Schlusspunkt unter das tragische Ende der schönsten aller Prinzessinnen. Das Publikum ist um die eine oder andere Anekdote und einen bunten Klangeindruck reicher. Die Vorfreude auf die Salome ist geschürt!

Weitere Informationen zu Stefan Mikisch in der Oper Graz unter:
https://www.oper-graz.com/ensemble/stefan-alexander-mickisch-1

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Im Stil der Generation von Knautschland

„Gespräch mit Astronauten“ feierte am 12.10. im Schauspielhaus Graz Österreichpremiere und erntete verdient tosenden Applaus. Lebendig, ungemein komisch und manchmal bitterböse.

Der Countdown eines Spaceshuttelstarts wird heruntergezählt und geht in moderne Musik über, die Schauspieler erscheinen auf der Bühne und ziehen eintönige Overalls über ihre bunte Kleidung: Willkommen in Knautschland.

Die Frauen von Knautschland, welches verdächtige Parallelen zu unserer Kultur und Gesellschaft aufweist, haben es nicht leicht. Neben hochkarätigen Jobs, in denen es Karriere zu machen gilt, sollte man nebenbei noch viele Kinder gebären und erziehen, sowie den ganzen Haushalt schmeißen – denn Ehefrau und Ehemann sehen dann doch meist beide ein, dass das eher Frauensache ist. Die können das sowieso besser. Die Verpflichtungen und Leistungen der Frauen werden meist hintenangestellt, da der Mann dann doch die prestigeträchtigeren Erfolge feiern kann, wie beispielsweise eineinhalb Jahre im Weltraum zu verbringen.

Doch Hilfe für die Karriere-Mütter-Hausfrauen von Knautschland naht in Form von jungen Frauen (und manchmal auch Männern) die aus den östlichen Ländern Rostland und Ukulele hierher strömen, um noch etwas zu erleben bevor der Berufsalltag oder die Ausbildung beginnt. Als Au-pairs kommen sie zu den Familien und sollen die gestressten Frauen stützen. Die Vorstellungen der beiden Parteien gehen dabei so weit auseinander, dass es nach der Reihe Konflikte hagelt. Diese einzelnen Auseinandersetzungen werden in kurzen Episoden über den ganzen Theaterabend dargestellt. Das Publikum darf dabei in die verschiedensten Beziehungen zwischen Familien und Au-pairs eintauchen und immer wieder herzlich lachen. Ob sich nun eine Mutter mit den Liebesbeziehungen ihres Gasts nicht abfinden kann, denn sie ist „locker, aber so locker nun auch wieder nicht“, oder Olga aus Rostland es nicht schafft im Haus irgendetwas selbst zu putzen, da die ohnehin schon überarbeitete Gastmutter nichts aus der Hand geben kann, jede Szene beinhaltet ihre eigene Dynamik und Komik.

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© Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

„Gespräch mit Astronauten“ von Felicia Zeller schafft es, die ernste Grundfrage des Stücks, nämlich jene nach der Überforderung der Frauen in unserer Gesellschaft, in den Hintergrund eines humorvollen Schauspiels zu stellen, ohne ihm dabei an Wertigkeit zu nehmen. Dass auch Männer in Frauenrollen hüpfen und Frauen in Männerrollen lässt die Geschlechtergrenzen verschwimmen. Kein einziges Mal schwingt das Stück mit der Moralkeule und schafft es trotzdem seine wichtigen Inhalte an das Publikum zu bringen.

Regisseurin Suna Gürler gelingt es zusammen mit den SchauspielerInnen der Kunstuniversität Graz die Bühne des Haus Zwei in ein buntes Durcheinander zu verwandeln, in dem man nie den Überblick verliert. Das Stück lebt von den jungen SchauspielerInnen, die  geschickt in die verschiedensten Rollen schlüpfen und die Geschichte ohne viel technischen Firlefanz auf der Bühne zu einem greifbaren Erlebnis  machen. Gespannt fragt man sich, wie der Aufenthalt für die  Au-pairs wohl enden wird und wie deren Leben wohl in 10 Jahren, abseits von all dem aussehen wird. Werden sie aus den Fehlern der Gastmütter lernen und sich ihren eigenen Weg durchs Leben suchen, oder verfallen sie doch nur in deren alte Muster? Die Antwort wird geliefert und nicht nur deswegen ist „Gespräch mit Astronauten“ unbedingt einen Besuch wert.

Termine und Infos zum Stück: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/gesprache-mit-astronauten

Übrigens: StudentInnen können im Schauspielhaus direkt vor den Vorführungen Restkarten um 5 € erwerben!

Daniil Trifonovs Graz-Debüt

Daniil Trifonov gastierte am vergangenen Freitag im Grazer Musikverein. Es war das Graz-Debüt des russischen Klavierstars.

Die Zeiten, in denen Musikwettbewerbe über die Karriere von Musikerinnen und Musikern bestimmt haben, ist zwar nicht endgültig vorbei, aber die Bedeutung, die man Wettbewerben in vergangenen Generationen zugesprochen hat, scheint heute angesichts der Pluralisierung der Musikbranche obsolet. Bei Daniil Trifonov sieht es anders aus. Den Startschuss seiner Karriere verdankt Trifonov den Preisauszeichnungen bei den prestigeträchtigsten Klavierwettbewerben der Welt: dem 3. Preis beim Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau (2010) und schließlich dem ersten Preis beim nicht weniger bedeutenden Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb (2011). Dass es auch andere Pianisten gibt, die ähnliches erreicht haben, von denen man heute aber kaum noch hört, spricht allerdings dafür, dass Trifonov seine Karriere nicht ausschließlich seinen Preisauszeichnungen zu verdanken hat. Trifonov ist eine Ausnahmeerscheinung, die auch sogleich einflussreiche Befürworter gefunden hat. Martha Argerich meinte einmal, Trifonov hätte „alles und noch mehr“.

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Daniil Trifonov – (c) Dario Acosta, Deutsche Grammophon

In Graz stellte Trifonov diese Einschätzung fulminant unter Beweis: Während Trifonov in der ersten Konzerthälfte Beethovens Sturm-Klaviersonate (im übrigen ist diese nächsten Sonntag noch einmal im Musikverein zu erleben, wenn Daniel Barenboim ebenfalls sein Graz-Debüt geben wird) und Schumanns Bunte Blätter-Zyklus sowie zwei lose gebliebene Sätze der beiden Komponisten präsentierte, interpretierte Trifonov in der zweiten Konzerthälfte Prokofjews achte Klaviersonate. Bei aller technischen Brillanz mit der Trifonov Beethoven und Schumann spielte: Man muss ehrlicherweise vielleicht doch sagen, dass es auch einige andere Pianisten gibt, die diese technische Brillanz beherrschen. Doch während die Einzigartigkeit, die man Trifonov gerne anpreist, hier noch etwas gefehlt hat, schien bei Prokofjew plötzlich kein – polemisch ausgedrückt – austauschbares Talent mehr am Werk zu sein, sondern ein hoch-originelles, hoch-individuelles Tastengenie. Der tobende Applaus, der auf den besonders effektvollen Schluss der Sonate einsetzte, war daher absolut gerechtfertigt und wurde hoffentlich von Herrn Trifonov als Ermutigung aufgefasst, uns im Grazer Musikverein noch viele weitere Male zu beehren.

Der Seite der Veranstaltung ist unter folgendem Link abrufbar: http://www.musikverein-graz.at/konzert/1-solistenkonzert-4/