Raum voller Licht

Fünf Personen erzählen dem Publikum gemeinsam von jemandem, den sie verloren haben. Museum of memories ist der Name dieses berührenden, humorvollen Stückes, das im TaO! im Rahmen des Festivals spleen*graz von Künstler*innen der Vereinigung NIE (New International Encounter) aufgeführt wurde.

Wenn man stirbt, geht das Blut aus dem Kopf raus und die ganzen Gedanken sind verschwunden. Selbst die geringen mathematischen Fähigkeiten, die Erinnerung an scharfes Essen oder an den ersten Kuss, das alles erlischt. Aber es gibt Menschen, die einen kannten und liebten und so lebt man in ihren Erinnerungen weiter. Doch was ist, wenn schließlich sie irgendwann nicht mehr leben, wenn auch aus ihren Köpfen das Blut samt den gesammelten Erinnerungen entschwunden ist? Dann ist man wirklich weg.

Das Publikum, auf klapprigen Campingstühlen sitzend, befindet sich auf der kleinen Bühne des TaO! in einem intimen Rahmen, umgeben von Kästen mit alten rostigen Schubladen voller Erinnerungen. Schon zu Beginn ist allen Zuschauenden bewusst, dass am Ende der Tod kommen wird; denn Marcus, die Hauptfigur, wird sterben. So beruht das Stück zum Teil auf wahren Geschichten von Familien, die Erfahrungen mit Suizid machen mussten. Und doch ist es keine Geschichte über das Sterben und den Tod selbst und Marcus´ Beweggründe, sich umzubringen, bleiben weitgehend undurchsichtig. Vielleicht ist es auch unrealistisch, zu erwarten, dass die Hinterbliebenen dies erklären könnten, vielmehr konstruieren diese- der Bruder, die Freundin, die Lehrerin und der Nachbar- gemeinsam ein Bild von Marcus´ Leben, auf erzählende, singende und schauspielende Weise und Marcus selbst ist auch dabei, beim Erinnern an die eigene Vergangenheit.

Gemeinsam mit dem Publikum versetzen sie sich in die Zeit der 80er, damals, als Marcus noch klein war, als die WM in Mexiko stattfand und alle einen Walkman mit sich herumtrugen. Marcus, das ist der jüngere Bruder, der immer hinter dem großen Bruder nachgeht und überall dabei sein will. Ein kleiner Frechdachs, der gleich damit droht, der Mutter alles zu erzählen, sollten die Dinge nicht zu seiner Zufriedenheit laufen. Das Publikum nimmt nicht die vollständige Biographie von Marcus in sich auf, vielmehr lebt es in einigen wenigen Ausschnitten mit und fühlt sich in die Zeit hinein, die er gemeinsam mit anderen erlebt. Und so manövrieren sich die beiden Brüder immer wieder im Laufe des Älterwerdens gemeinsam in Situationen, in denen inmitten Wortgefechten und scheinbar ausweglosen Lagen auf einmal doch klar wird, dass eine tiefe gegenseitige Zuneigung besteht.

Das Stück zeigt, dass ein Mensch fast nicht unabhängig von seinem Bezugssystem zu verstehen ist. Denn um Marcus´ Wesen kennenzulernen, braucht es neben dem großen Bruder, der eine zentrale Rolle im Leben von Marcus spielt, auch Marcus´ erste Liebe. An ihr schätzt dieser besonders ihre zur Schau gestellte Wut, denn sie echauffiert sich permanent über irgendetwas und will unbedingt wegziehen; das Leben hier sei nicht mehr aushalten. Auch die Lehrerin ist eine relevante Bezugsperson, sie begleitet die Brüder beim Aufwachsen und Großwerden und ist ihnen nicht nur Lehrperson, sondern auch Freundin. Und schließlich ist selbst der Nachbar ein bedeutender Bestandteil, der sich im Hintergrund haltend, zu jeder Szene den passenden Soundtrack liefert.

Hören wir anders zu, nehmen wir anders wahr, wenn wir wissen, dass sich jemand am unausweichlichen Ende der Geschichte umgebracht haben wird? Vielleicht suchen wir nach Anzeichen und Hinweisen, nach denen die Angehörigen nur noch retrospektiv fanden können. Doch selbst für das Publikum, das vermutlich nicht anders kann, als den Blick ab und zu etwas gezielter auf Marcus´ Gemütszustand zu richten und auf mögliche Signale zu achten, ist es fast unmöglich, eine eindeutige Erklärung zu finden. Obwohl durchaus später klar wird, dass sich in den unternehmungslustigen, aufgeweckten Jungen, der einen stets breit lächelnd anblickt, einige dunkle Gedanken hineingegraben und festgesetzt haben. Alles vergehe immer so schnell, er hätte manchmal Angst, hinunterzufallen. Und andererseits, grübelt er nach, stürzte er möglicherweise doch gerade dann, hielte er für einen Moment inne. Das Leben käme ihm vor wie eine Reihe von dunklen Tunnel, meint er nachdenklich an einer Stelle. Doch dann gäbe es besonders schöne Momente und er fühle sich, als befände er sich in einem Raum voller Licht zwischen zwei Tunnel.

Vielleicht ist mitunter das Besondere an diesem Theaterstück, das die tote Person anwesend ist. Denn für gewöhnlich, wenn ein Mensch unerwartet stirbt, kramen die Hinterbliebenen mehr oder weniger ratlos in den Trümmern dessen, was noch übriggeblieben ist und versuchen verzweifelt, irgendwo Antworten zu finden. Wie leicht ist es, sich etwas über eine verstorbene Person zusammenzureimen, anhand von Tagebucheinträgen, Fotos, Erlebnissen, Erzählungen anderer. Zu wissen, dass die anderen abhängig sind von deinen Erinnerungen, da du diese all die Jahre konserviert hast, verleitet vielleicht zum Ausschmücken, Weglassen, Abschleifen, Hinbiegen, Verwischen und Neuerfinden.

In diesem Stück hingegen ist Marcus anwesend und so sind die Momentaufnahmen mitunter gefärbt von seiner Wahrnehmung, denn stur und trotzig, wie er ist, muss er immer recht behalten. Ab und zu flüstert er seinem großen Bruder ins Ohr, während dieser dem Publikum etwas erzählt, und bessert ihn aus. So wird durch ihn die Geschichte noch lebendiger und greifbar. Nach der Vorstellung hat man das Gefühl, mit Marcus und seinem Bruder mitgelebt zu haben. Als wäre man mit den Brüdern am Balkon gestanden, auf dem sie einander selbst ausgesperrt haben, oder hätte sich gemeinsam mit Marcus im Wandschrank versteckt gehabt, den großen Bruder heimlich beobachtend, als dieser das erste Mal (fast) Sex hatte.

Und auch nach der Vorstellung bleibt noch ein wenig der intimen Atmosphäre vorhanden. Die Zuschauenden werden dazu animiert, in Eigenregie in den Schubladen zu stöbern, stoßen dabei auf ein Sammelsurium an Wollpullovern, Zeichnungen und Kassetten und werden dazu eingeladen, selbst eine Botschaft dazulassen.

Mit Museum of Memories haben die norwegischen, tschechischen und britischen Künstler*innen von NIE ein Stück voller fröhlicher Melancholie geschaffen und den Zuschauenden gleich mehrere Momente voller Licht zwischen zwei Tunnel geschenkt.

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Blockbuster, die das Leben schreibt

In „Rette deine letzte Katze“ erzählen Johanna Hierzegger, Manfred Weissensteiner und Rupert Lehofer das Leben als Blockbuster und geben eine humoristische Liebeserklärung an die Stadt ab, die all das möglich machte – Graz.

Die Kooperation der Grazer Theater am Bahnhof (TiB) und am Ortweinplatz (TaO!) geht in die dritte Runde. Nach „Position“ und „Heb ab!“ werden nun mit der „letzten Katze“ Hollywood-Drehbücher seziert. Nach dem abenteuerlich-amüsanten Aufbau der Leinwand rezensieren sich Weissensteiner und Lehofer munter durch „Lethal Weapon“. Auf dem Weg zur Erkenntnis der perfekten Dramaturgie liegen kleinere und größere Konflikte, die sie in erfrischendem steirischen Dialekt darbieten. Zwischen ferngesteuerten Hubschraubern, Frankowitsch-Brötchen und einer mit dem Feuerzeug gegrillten Hand lacht das Publikum von Minute eins an mit. Vielleicht liegt das auch an der Dose Vanillekipferl, die mit der Begründung „Weihnachten ist, wenn es Vanillekipferl gibt“ durch die Reihen geht.

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Wie lang wird Rupert Lehofer durchhalten? (Foto: C. Nestroy)

Eine angeblich todsichere Dramaturgie-Formel für Filmerfolg in Millionenhöhe liefert Blake Snyders 15-Schritte-Konzept aus dem Bestseller „Save the cat!“. An einer sehr frei gehaltenen Skizze erläutern Weissensteiner und Lehofer, dass dieser Ablauf immer funktioniert – egal ob bei Jesus Christus, der EU (Höhepunkt, wohlgemerkt, ist der Beitritt Österreichs) oder einem ganz normalen Menschen, der sich an einem freien Tag dazu entschließt, den Plabutsch zu besteigen. Nach der eineinhalb Stunden langen Performance lautet also die Erkenntnis: Jedes Leben ist ein Blockbuster – eventuell mit weniger Krach-Bumm und Prostituierten-Mord, aber dennoch mit ganz eigenen Höhen und Tiefen. In Weissensteiners und Lehofers Fall haben diese Höhen und Tiefen die Kulturwelt der Murmetropole maßgeblich bereichert, denn ohne sie gäbe es das Theater im Bahnhof nicht.

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Manfred Weissensteiner kennt die Formel zum dramaturgischen Erfolg. (Foto: C. Nestroy)

Die am Boden gelandeten Frankowitsch-Brötchen mögen zwar so manchen GrazerInnen einen Stich im Herzen versetzen, trotzdem zeigen sich die ZuschauerInnen begeistert – vor allem von den ortsbezogenen Witzen. Zum Schluss wird ein Prostituierten-Suizid mit Sirtaki betanzt. Ein authentischer und kreativer Abend mit sehr persönlicher Note, an dem man sich einfach wohlfühlen kann.

„Rette deine letzte Katze“ ist ab sofort im TaO! zu sehen. Informationen gibt es hier.

Theater am Ortweinplatz: „Zementgarten“

Das Theater am Ortweinplatz (TaO) inszenierte diese Spielzeit ,,Zementgarten“ aus der Feder von Ian McEwan – ein Stück, welches aufgrund seines düsteren Charakters dem Autor den Spitznamen „Ian Macabre“ einbrachte…

Die Handlung ist simple, der Inhalt jedoch nicht leicht zu verkraften: Der Vater ist schon lange tot, von ihm geblieben ist nur das unvollendete Projekt den Garten mit Zement zu versiegeln. Die Mutter ist gerade gestorben. Die vier verbliebenen Kinder Julie, Sue, Jack und Tom haben nun Angst davor nach dem Tod beider Eltern getrennt zu werden, also beschließen sie den Tod der Mutter zu verheimlichen und betonieren die Leiche im Keller ein. Nun versuchen alle, auf ihre Art und Weise, mit dieser Situation umzugehen. Die Illusion einer intakten Familie soll aufrecht erhalten werden, welche es so jedoch nie gegeben hat.

Die Charaktere der vier Kinder unterscheiden sich durch ihre besonderen Persönlichkeiten. Eines hält die Kinder jedoch zusammen, das Band der Familie. Nicht zur Familie gehört der Freund von Julie – Derek. Er zeigt uns, dass eigentlich auch eine „normale“ Welt, außerhalb, existiert. Jedoch dominieren die Regeln und Vorstellungen der kleinen Welt im Haus der Geschwister, denn als Derek das inzestuöse Verhältnis der beiden Geschwister Julie und Jack aufzeigt, wird kein Skandal daraus gemacht, sondern das Verhalten als etwas ganz Normales aufgefasst.

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(c) Nestroy

Die Charaktere, gespielt von Valentin Marsoner, Sebastian Schmid, Anna Weber, Gabriel Zinganel, Erna Zuhric – sind fesselnd und lassen den Zuseher die Düsternis der Situation und die Hilflosigkeit der Jugendlichen authentisch spüren. Im Zentrum der Bühne steht ein Sofa, verkleidet mit Plastik, welches den Eindruck einer Baustelle vermittelt. Das Rascheln der Folie begleitet die Handlung, sowie eine Leinwand auf der Seite, welche die Geschehnisse und Vergangenes aus der Perspektive der Videoaufnahmen von Sue zeigt. Durch die Rückblicke und Erzählungen, welche in die Handlung einfließen, sind die Geschehnisse und Beziehungen zueinander klar. Nur der skandalöse Inzest bleibt etwas außen vor und wird nicht tiefer dargestellt, so bleibt die Frage offen ob es sich nun um puren Sex zwischen zwei Geschwistern handelt, oder um einen Art besondere Fürsorge, welche sich in körperliche Nähe äußert.

Gewiss ist aber: Wenn man als Zuschauer die kleine Welt verlässt und zurück in die Realität geht, bleibt das Gefühl des Staunens über die unglaublich gute Performance dieser jungen Darsteller noch lange hängen.

Mehr Informationen: http://www.tao-graz.at/webpages/57d6ba6a0414151ea0000120