Einstimmige Tragikomödie

Romeo und Julia ist die wohl bekannteste Liebestragödie, die je geschrieben wurde. Im Shakespeare-Jahr 2016 inszeniert auch das Schauspielhaus Graz gleich mehrere Stücke des britischen Genius. Mit der von Lily Sykes’ entworfenen Produktion rührt und unterhält das Ensemble sein Publikum gleichermaßen. Überzeugen tut es nicht immer komplett.

Textlich orientiert sich das Stück stark an der Originalübersetzung, technisch ist der Einsatz von Licht und Bühne raffiniert. Die Geschichte ist, ebenso wie bei Shakespeare, in Verona verortet. Die Motive der Figuren sind dieselben wie damals und trotzdem nicht minder modern. Die Kostüme wirken punkig, unterstreichen den Kontrast und lassen nichts zwischen schwarz und weiß – das Gute und das Böse, kommen. Entsprechend gestaltet sich der metaphorische Rahmen der Handlung, der in strikte Metallgitter gezwängt wird, welche Realität von Traum und Einbildung trennen, zugleich beides parallel darstellen. Dagegen fallen besonders die schreiend bunten Kostüme der Nebenfiguren ins Auge. Selbstsüchtig und auf ihr eigenes Wohl bedacht, den schönen Schein wahren wollend agieren sie umgeben von Pracht und scheinbarer Macht, derer sich die Kinder nicht widersetzen können.

Dass sich Romeo (Raphael Muff) von den Montagues und Julia von den Capulets (Julia Gräfner) doch aus den Schlingen der gesellschaftlichen Zwänge, der Vor- und Fremdbestimmung befreien können, schaffen sie letztlich bloß durch die bekanntlich missglückte Flucht in die Verbannung und das Exil, Mantua oder in ihrem Fall, den Tod.

romeo-und-julia-raphael-muff-henriette-blumenau-julia-graefner-c-lupi-spuma-071.jpg

(c) Lupi Spuma

 

Die homoerotische Perspektive der beiden Freunde Mercutio (Henriette Blumenau) und Benvolio (Nico Link) wurde schlicht durch eine Hosenrolle in umgekehrter Manier entschärft. Grandios männliches Gehabe ahmt hier Blumenau nach, während Link authentisch den ihr verfallenen Benvolio mimt, dessen Gehabe verweiblicht wirkt. Ein Paar von perfekter Androgynie, getrennt durch den Mord an Mercutio. Benvolio schwört Rache und hetzt Romeo auf. Die beiden Morde – an Tybalt (Clemens Maria Riegler) und Mercutio erscheinen auf diese Weise plausibel.

Eines der Dinge, die die durchdacht runde Sache „eiern“ lassen, ist der dritte Mord an Paris durch Romeo in der Gruft der vermeintlich toten Julia. Er erscheint zu blutrünstig und tut dem unschuldigen Auftreten Romeos enormen Abbruch. Es zeigt sehr überspitzt dessen moralische Verkommenheit, wenn auch aus Verzweiflung und aus dem Verlust seiner großen Liebe resultierend.

Was die Inszenierung besonders gut herausstreicht, ist das kindliche Alter der Protagonisten. Julia ist erst 14 Jahre alt, als sie sich in Romeo verliebt – entsprechend jugendlich verspielt gibt sich ihr Wesen, das dieses mächtige Gefühl auszudrücken versucht. Romeo wirkt reifer, zusammen wirken sie – zumindest auf mich – oftmals nicht authentisch genug, einander dermaßen verfallen zu sein, wie sie es sein sollten. Zumindest nicht, wenn man die Unsterblichkeit dieser Liebe(sgeschichte) als Maßstab im Hinterkopf hat.

Wenngleich Julia Gräfner alias Julia Capulet sich leichtfüßig und verträumt in Teenagermanier in der multifunktionalen Badewanne räkelt, dabei das verliebte Kindchen verkörpert und ihr schaupielerisch unbestreitbares Können zur Schau stellt, kann sie dieses im Zusammenspiel mit ihrem Romeo nicht zeigen.

romeo-und-julia-julia-graefner-raphael-muff-c-lupi-spuma-126.jpg

(c) Lupi Spuma

 

Besonders die teils zu langwierigen Szenen der gegenseitigen Liebesbekundungen – jeweils eine im ersten und eine im zweiten Teil – wirken fast schon aufgesetzt, wenn Muff im Vordergrund und Gräfner im Hintergrund oder umgekehrt vom jeweils anderen als Ideal des Partners, der immer imaginiert wurde, schwärmt. Das Fehlen des Balkones konnte durch die Szene am Abgrund (ein tiefer Graben trennt die Liebenden) nicht ersetzt werden, obwohl die Metaphorik des Spalts in der Erde tiefer greift als die des klassischen minnesänglich anmutenden Balkonwerbens.

Alles in allem, besteht die Inszenierung jedoch größtenteils die Probe und darf sich in die lange Tradition gelungener Shakespeare Adaptionen reihen.

Oh Romeo, mein Romeo…

Die tragische Liebesgeschichte von Romeo und Julia kennt wohl jeder – zwei verfeindete Familien in Verona, deren Kinder sich unsterblich ineinander verlieben und am Ende im Tod vereint werden. William Shakespeares Fassung von 1596 hat seit der Uraufführung einige Fassungen und Inszenierungen durchlebt. Am Grazer Schauspielhaus ist derzeit eine moderne Fassung unter der Regie von Lily Sykes aus dem Englischen von Frank- Patrick Steckel zu sehen.

Der schwärmerische Jüngling Romeo Montague, trifft auf einem Fest der Capulets, seiner verfeindeten Familie, auf die Tochter des Hauses und verliebt sich heftig in die junge Julia. Nach diesem Zusammentreffen will er aus dem Familienstreit aussteigen und Julia zu seiner Ehefrau nehmen. Das Schicksal hat jedoch etwas Anderes mit den beiden vor und führt am Ende bis zum Tod…

Was Romeo und Julia verbindet und sie am Ende sogar freiwillig in den Tod gehen lässt, ist nicht nur zum Ideal romantischer Liebe geworden, es ist auch ein Hoffnungsschimmer für die Gesellschaft.

romeo-und-julia-nico-link-raphael-muff-henriette-blumenau-c-lupi-spuma-051-1030x687.jpg

Im 400. Todesjahr des britischen Dichters Shakespeare hat Lily Sykes die Liebes-Tragödie neu inszenieren. Raphael Muff als Romeo und Julia Gräfner in der Rolle der Julia geben ein perfektes wenn nicht doch skurriles Bühnenpaar ab und überzeugen von der ersten bis zu letzten Szene.

Das Bühnenbild – klar und schlicht – lässt Raum für Fantasie und gibt dem Zuseher doch ein klares Gedankengerüst vor. Ebenso Kostüme und Requisiten.

Die Originaltexte sind klar erkennbar, jedoch mit modernen Textpassagen ergänzt worden. Was das Stück erfrischend und interessant macht.

Fazit: Absolut sehenswert, jedoch etwas lang. Aber in jedem Fall ist das Stück einen romantischen Abend im Grazer Schauspielhaus wert.

Weitere Informationen und Spieltermine unter:

http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/romeo-und-julia#inhalt

Fotos: (c) Lupi Spuma

 

 

 

William Shakespeare trifft Charles Gounod

Am Wochenende premierte in Graz die französische Oper „Roméo et Juliette“. Fundierte Stimmen und eine klassische Regie sorgten für einen harmonischen Genuss aller Sinne.

Kyungho Kim als Romeo und Sophia Broker als Juliette ; (c) Werner Kmetitsch

Kyungho Kim als Romeo und Sophia Broker als Juliette ; (c) Werner Kmetitsch

Zweifelsohne ist Romeo und Julia eine größten und berühmtesten Liebesgeschichten der Weltliteratur. Unzähligen Adaptionen in Film und Theater steht interessanterweise allerdings nur eine Oper gegenüber, die sich bis heute auf den Spielplänen der Welt halten konnte. Das Werk von Charles Gounod hält sich bis auf kleine Abwandlungen stark an das literarische Original und reichert es durch lyrische Musik an. Ganz im „Pariser Sinn“ beginnt die Ouvertüre begleitet von einer Ballettszene. Die Tänzer zeigen mit ihren fließenden Bewegungen die Geschichte von Romeo und Julia in wenigen Minuten: vom Liebestaumel bis zum Liebestod. Die verkörpernden Sänger (Sophia Brommer als Juliette, Kyungho Kim als Roméo) sind stimmlich von Beginn an harmonisch aufeinander eingestellt, während darstellerisch das Knistern erst später einsetzt. Brommer präsentiert sich im ersten Akt technisch versiert aber etwas farblos. Erst als ihre Rolle den Geliebten als vermeintlichen Feind erkennt, scheint sie mit dem Satz „Cétait Roméo!“ (zu deutsch: Es war Romeo!) ihren eigenen Klang zu finden. Die folgende Arie singt sie zart und mit emotionaler Einfühlsamkeit. Ihr Partner Kyungho Kim zeigte einen strahlenden Tenor mit viel Durchsetzungskraft. In den Liebesduetten ergänzte sich die stimmliche Wärme Brommers mit der Stärke von Kim und resultierte in säuselnd ergreifenden Liebesbekenntnissen. Vor allem zu Beginn 4. Akts kommen alle Romantiker auf ihre Kosten. Hinter dem Vorhang erscheint ein Meer aus (echten!) Kerzen, in dem das junge Paar seine Hochzeitsnacht verbringt. Wenn Romeo dann singt „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“ schmilzt nicht nur das Kerzenwachs dahin.

Szene zu Beginn des 4. Aktes ; (c) Werner Kmetitsch

Szene zu Beginn des 4. Aktes ; (c) Werner Kmetitsch

Auch die übrigen Szenen sind von einer klassischen Schlichtheit dominiert. Erst im 5. Akt, als Julia nach dem Einnehmen ihres Scheintodestranks zu halluzinieren beginnt, wird das traditionelle Bild durch groteske Elemente erweitert. Die Inszenierung von Ben Baur lässt die klassische Geschichte auch sonst ihren ungestörten, vorhersehbaren Weg gehen. Die Hürde der großen Besetzung dieser Oper ist mit vielen Mitgliedern des Grazer Ensembles gut gemeistert. Auffallend in ihren verhältnismäßig kleinen Rollen sind Peter Kellner mit tragendem, klaren Bass und Anna Brull mit einer wendigen Sopranstimme. Die musikalische Leitung obliegt Robin Engelen der den lyrischen Charakter der Musik hervorhebt, aber manchmal etwas Würze vermissen lässt.

Nähere Informationen zum Werk unter:
http://www.oper-graz.com/production-details/romeo-et-juliette