Aufruf zur gewaltfreien Minirevolution im Schauspielhaus

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(c) Lupi Spuma

Graz – Wer mitspielt sieht mehr, als derjenige, der zusieht? Im Theaterspiel „Press Staat for Revolution – 10 Anleitungen für Ihre persönliche Minirevolution“ trafen sich zur Premiere am Mittwoch, den 21. Dezember, ein sichtlich aufgeregtes Publikum gemeinsam mit einigen Mitgliedern des Schauspielhaus zum interaktiven Gesellschaftsexperiment.

Für ca. zwei Stunden gibt Regisseur und Konzeptschreiber Philipp J. Ehmann die Regie ab und übergibt an die spielwilligen Gäste, denen mit Betreten des Raumes eine Rolle als Bewohner einer Gemeinde des fiktiven Staats Libertalia zugewiesen wird. Als Prototypen dieser Latrinengemeinde fungieren unter anderem ein Postbote, ein Priester, ein Friseur, Sicherheitspolizeibeamte, Krankenpfleger und Bewohner eines Altenheims. Die Häuser (Postamt, Arzt, Gefängnis, Friseur, Altenheim etc.) bestehen aus Kreidestrichen, hingestellten Möbeln und Retro-Requisiten. Frei nach dem Roman „Protest!: Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt“ des Politaktivisten Srdja Popovic sollen die Spielfiguren Gesellschaftskritik üben, indem sie aktiv in simulierte Machtstrukturen eingreifen und (un)bewusst konformes Verhalten ablegen. Kaum geht das Spiel los, beginnt nicht nur die Übernahme der Rolle, sondern auch der Kampf um die neue Identität unter dem strikten Regime von Präsident E. Der weitere Spielverlauf wird durch diskret vermittelte Botschaften und den Nachrichtensprecher Ben Baumann (amüsant Ensemblemitglied Benedikt Greiner) beeinflusst bzw. in Gang gebracht. Ziel dieser experimentellen Simulation ist im Idealfall eine gewaltfreie Revolution.

Wo reduzierte Kulisse ist, werden die Spielfiguren, die zwischen den Kreidestrichen stehen, zur eigentlichen Kulisse. Humor und Widerstand sind das gegensätzliche Paar, das es hier nach Popovic und Ehmann zu vereinen gilt. Humorvoller Widerstand wofür? Für eine friedvolle Demokratie, für das Experiment und dem damit verbundenen Bewusstsein, über den Einfluss des Individuums auf gesellschaftlich vorherrschende Strukturen. Ehmann setzt auf eigendynamische Verselbstständigung, kreatives Handlungsverhalten und auf Ergebnisoffenheit. Zu Beginn des Spiels benötigten die Figuren jedoch Zeit, sich in ihren Rollen zu finden – die erwünschte Dynamik entwickelte sich daher eher langsam. Auch das Erleben dieser Minirevolution ist stark abhängig von der zugewiesenen Rolle. Im Großen und Ganzen funktioniert das sorgfältig durchdachte Konzept von „Press Staat for Revolution“ und dessen Umsetzung auf humoristische Weise. Für einen Abend lang Teil einer sozialen Bewegung sein? Eine Teilnahme an dieser spieltheoretischen Gesellschaftsstudie lohnt sich speziell für reflektierte und offene Besucher, die sich für idealistisch-sympathische Konzepte begeistern können.

Schauspielhaus Graz Press Staat for Revolution

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