Die Entführung aus dem Serail – und in die Verwirrung…

Am 27. April feierte Mozarts „Entführung aus dem Serail“ ihre Premiere an der Grazer Oper – als Neuinterpretation soll dabei die zugrunde liegende psychologische Intention des Komponisten in gegenwartsgerechter Fassung verpackt werden.

Das Thema aus „Die Entführung aus dem Serail“ ist so zeitlos wie nie: Was ist Betrug in einer Beziehung? Wie weit geht die Treue? Wie gehen Mann und Frau mit der Versuchung um? Diese und andere Grundfragen plagen Belmonte und Konstanze, das im Mittelpunkt des Stücks stehende Paar. Sie begeben sich dabei auf eine Reise ins Unterbewusstsein, welches zwischen Realität und Phantasie nicht mehr klar zu differenzieren scheint.

Eva-Maria Höckmayr und Mark Schachtsiek fassten die Handlung und die Dialoge der Oper unter Heranziehung verschiedenster Textvorlagen großteils neu: entsprechende Motive holten sie insbesondere aus Schnitzlers „Traumnovelle“, Hofmannsthals „Der goldene Apfel“ sowie anderen Geschichten der „Erzählungen aus den Tausendunein Nächten“. Die äußere Handlung wurde bewusst reduziert, um besonderes Augenmerk auf den psychologische Kern von Mozarts Musik zu legen.

Im ersten Akt drohte aber ein chaotischer Start: die paukenlastige Ouvertüre ließ an mozarteischer Finesse missen und harmonierte nicht durchwegs mit Belmontes hektischem Benehmen, welches zusätzlich durch die reizvollen Projektionen auf die hintergründige Wand verstärkt wurde. Aber auch im weiteren Verlauf des Stückes entstand der Eindruck, die Inszenierung drohe sich zu verirren: das Aufeinanderfolgen von popular-vulgärem Vokabular in Konstanzes Monologen und den klassischen Arien führte zu komischen Brüchen, die durch das Verzichten auf Rezitative intensiviert wurden. Letzteres ist aber angesichts der modernen Neuinterpretatationslinie durchaus konsequent. Das finale „Es lebe die Liebe“ am Ende des 2. Aktes unterliegt einer komisch-absurde Färbung, sodass letzten Endes der Glaube an die Liebe wohl keinem mehr zuzusprechen ist.

 Entführung aus dem Serail bz Werner Kmetitsch
Die Entführung aus dem Serail © Werner Kmetitsch

Sophia Brommer als Konstanze meisterte die schwierigen Koloraturen ihres Parts, obgleich zunächst – wohl aufgrund des ausgiebigen Räkelns im Bett – eine angespannte Stimmführung zu bemerken war. Großes Lob gebührt Cathrin Lange als selbstbewusste und kecke Blonde, die insbesondere in der Koloraturarie „Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln“ zu brillieren wusste. Während Mirko Roschkowski in weiten Strecken Belmonte mit allzu zarter Tenorstimme verkörperte, konnten Manuel von Senden (Pedrillo) und Peter Kellner (Osmin) gesangstechnisch durchgehend überzeugen. Wortwörtlich aus der Reihe tanzte Martin Dvorak, der die eigentliche Sprechrolle des Bassa Selim tanzend darstellte.

Das Bühnenbild (Esther Dandani und Julia Rösler) wurde bewusst schlicht gehalten, um die psychologische Introspektive im Vordergrund zu stellen. Der Hauptschauplatz, das Schlafzimmer des Ehepaares, wirkte in seiner extremen Einfachheit aber meist flach, da die psychologische Dimension im Sing- und Schauspiel der DarstellerInnen nicht genügend zum Ausdruck kam. Besonders raffiniert hingegen ist das Spiel mit verschiedenen Parallelebenen, um Einblicke in Belmontes Hirngespinste und träumerisches Unterbewusstsein zu offenbaren. Sicherlich innovationsfreudig, wenn auch gewöhnungsbedürftig, sind die Projektionen von Belmontes Gedanken und Phantasien auf die Leinwand. Ebenso ungewöhnlich sind die beinahe eterniesierenden Gedankenmonologe der Konstanze aus dem Off.

Fazit: „Aus Alt mach Neu“ ist zwar per se ein würdiger Ansatz, hinterlässt aber angesichts der (zu) vielen neuwertigen Elemente den bitteren Beigeschmack, dass mit nicht immer geglückten Neuinterpretationen eine Aufweichung des Genres der klassischen Oper einhergeht. In Anbetracht des Applauses schien dies dem Premierenpublikum wohl weniger zu stören.

Weitere Termine und Informationen zum Stück sind hier ersichtlich.

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